Interview mit Alexander Pinto zum Fachkongress »vielfalt gestalten. Frei und fair arbeiten.«

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15.07.2015

Vom 15.-17. Oktober 2015 findet in Hamburg der Fachkongress »vielfalt gestalten. Frei und fair arbeiten« des Bundesverband Freier Theater statt. Für freie-theater.de sprach Ulrike Bedrich mit Alexander Pinto, seit 2013 stellvertretender Bundesvorsitzender und dieses Jahr zusätzlich für das Kongressprogramm verantwortlich:

 

Herr Pinto, herzliche Glückwünsche zu 25 Jahren Bundesverband Freier Theater. Was gibt es denn zu feiern? Wie haben Sie vor 25 Jahren angefangen und was hat sich seither entwickelt?

Vor 25 Jahren war ich noch gar nicht dabei. Ich bin erst seit 2007 aktiv. Zuerst im Landesverband Hamburg, den ich einige Jahre erfolgreich geleitet habe, und seit 2013 im Bundesvorstand.

Angefangen hat der Bundesverband ja damals mit, glaube ich, sechs Verbänden. Mittlerweile haben wir in jedem Bundesland einen Landesverband. Das heißt, dass sich der Bundesverband innerhalb von 25 Jahren von einer marginalisierten Interessenvertretung hin zu einem wirklichen Interessenverband entwickelt hat, der auf Bundesebene wahrgenommen wird. Das zeigt sich z.B. im Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ oder dadurch, dass der Bundespräsident 2010 zu einem Abend der Freien Theater eingeladen hatte oder dass wir mittlerweile von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gefördert werden. Das ist der eine Erfolg, den wir feiern. Und der zweite, der damit sicherlich unmittelbar verknüpft ist, ist der, dass sich das Freie Theater in der letzten Dekade zu einem strukturellen und auch ästhetischen Impulsgeber in der deutschen Theaterlandschaft entwickelt hat. Das sieht man dann daran, dass Freie Produktionen zum Theatertreffen eingeladen werden, dass Stadttheater in Programmen wie „Doppelpass“ mit den Freien Gruppen längerfristig kooperieren und Länder wie Kommunen ihre Förderinstrumente neu strukturieren und stärken. Da hat ein enormer Bedeutungszuwachs für das Freie Theater in Deutschland stattgefunden. Wir können nach diesen 25 Jahren deshalb durchaus mit großem Selbstbewusstsein für das Erreichte auftreten.

 

Sie haben eben selbst schon die 16 Landesverbände angesprochen, die aus so unterschiedlichen Mitgliedern wie Performancegruppen, Gruppen mit klassischem Theaterverständnis und z.B. auch Produktionshäusern bestehen. Die haben ja unterschiedliche Bedürfnisse. Wie kriegen Sie die beim Fachkongress alle unter einen Hut?

Der Kongress IST die Arbeit am unter-einen-Hut-kriegen! Annemarie Matzke (She She Pop) hat auch mal geschrieben: DIE Freie Szene gibt es gar nicht. Die Freie Szene in Deutschland ist unglaublich heterogen und hat demnach unterschiedliche Interessenlagen. Der Kongress ist der Versuch auf der inhaltlichen Ebene die Themen, die gerade in der Szene – aber auch in der Darstellenden Kunst in Deutschland insgesamt - diskutiert werden, zu markieren und den Bezug zu den unterschiedlichen Akteuren*innen herzustellen.

 

Das Motto des Kongresses ist „vielfalt gestalten. frei und fair arbeiten“. Erklären Sie doch mal bitte kurz, worauf Sie damit abzielen!

Also, den Aspekt der Vielfalt habe ich ja gerade schon genannt. Wir müssen uns als Freie Darstellende Künste unserer Heterogenität und den daraus erwachsenden Potenzialen bewusst sein und diese weiter gestalten, anstatt eine Einheit oder Homogenität herstellen zu wollen. Wir müssen die Vielfalt als Stärke sehen und weiterentwickeln. Auch vor dem Hintergrund, dass die Stadt- und Staatstheater nach wie vor das Monopol in der deutschen Theaterlandschaft inne haben. Aber wenn man genauer hinsieht, dann gestaltet sich die Theaterlandschaft mit all ihren Freien Gruppen, Einzelkünstlern*innen und Produktionsstätten, mit den Privat- und Tourneetheatern, mit den Stadthallen und Kulturhäusern, den Festivals und Bespielungen des öffentlichen Raums, viel vielfältiger. Das wird aber in politischen Diskursen, in den Medien und auch beim Publikum oft nicht wahrgenommen. Darauf machen wir aufmerksam! Das ist das Eine.

 

Das Andere ist, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen der freien Theaterschaffenden nicht mit dem kulturellen Bedeutungszuwachs der Freien Darstellenden Künste Schritt halten. Die Künstlerinnen und Künstler bewegen sich seit Jahrzehnten in einem sozial, ökonomisch und rechtlich kaum gesicherten Arbeitsmarkt. Honoraruntergrenzen, zertifizierte Aus- und Weiterbildungen, transparente Förderkriterien und Mittelvergaben etc. sind kaum vorhandene Mindeststandards für freies und faires Produzieren.

 

Aus diesem beiden Punkten erwächst unser kulturpolitischer Anspruch: Wir haben heute als Freie Darstellende Kunst eine große Verantwortung für die Zukunft des Theaters in Deutschland. Und mit dem Kongress signalisieren wir, dass wir bereit sind, diese zu übernehmen!

 

Der Freien Szene wird ja oft vorgeworfen sie würde die Konkurrenz zum Stadt- und Staatstheater überbetonen. Wie sieht es beim Kongress mit dem Dialog mit den „Unfreien“ aus? Ist so etwas angedacht oder bleibt die Diskussion intern?

Die Kultursenatorin Hamburgs Prof. Barbara Kisseler beispielsweise, die mittlerweile auch Präsidentin des Deutschen Bühnenvereins ist, wird im Panel „Theaterstrukturen der Zukunft“ sprechen. Jörg Löwer, Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehörigen wird ebenso einen Betrag leisten wie Vertreter*innen aus Politik und Verwaltung am Kongress teilnehmen. Und natürlich sind auch alle „unfreien“ Theaterschaffenden eingeladen! Der Dialog findet also statt und ist gewollt. Aber die Frage ist natürlich, von welcher Position aus man ihn führt. Wir sind nicht mehr der angebliche Hinterhof der Stadt- und Staatstheater! Wir wollen einen Dialog auf Augenhöhe und wir hoffen, dass der Kongress dazu beitragen kann. Bis jetzt sieht es gut aus.

 

Was sind die Ziele des Kongresses? Was muss herauskommen, damit Sie die Arbeit daran für sich als erfolgreich bezeichnen würden?

Da gibt es zwei Ziele. Auf der politischen Ebene wünsche ich mir, dass die Bedeutung der Freien Darstellenden Kunst für Deutschland deutlich und konkretisiert wird. Dazu zählt, dass wir als freie Theaterschaffende die Rahmenbedingungen, die wir brauchen um unsere Kunst gut machen zu können, ausformulieren und auch einfordern. Und dass der Dialog auf Augenhöhe mit den Partnern, über die ich gerade gesprochen habe, gelingt.

Das zweite, verbandsinterne Ziel ist, dass der Kongress ein tolles Jubiläumsfest mit vielen Theaterschaffenden wird und ähnlich wie 2010 in Stuttgart einen starken identifikatorischen Impuls in die Szene gibt. Und wenn wir das ohne größere organisatorische Schwierigkeiten über die Bühne kriegen, weil wir die ganze Arbeit ja recht kurzfristig in dieser Größenordnung bewerkstelligen, dann wäre es perfekt.

 

Wie fiel eigentlich die Entscheidung für Hamburg als Veranstaltungsort? Man hätte ja auch in die Fläche gehen können. Ist das ein Statement oder ist es keins?

Das ist ein Statement und wir haben lange diskutiert, ob wir es so machen. Aber wir haben festgestellt, dass der ganze Diskurs um die Freien Darstellenden Künste sehr stark auf große Städte fokussiert ist. Da ist die Aufmerksamkeit. Und da so ein Fachkongress auch immer eine repräsentative Funktion hat, müssen wir dem in gewisser Weise Rechnung tragen verbunden mit dem Anspruch, dass die enorme Bedeutung des Freien Theaters für die kulturelle Entwicklung in der Fläche auch im Kongressprogramm deutlich wird. Hinzu kommt, dass Hamburg viele freie Theaterschaffende sowie Spielstätten und mit Kampnagel sogar die größte und internationalste freie Spielstätte hat, die vom Alter und der Geschichte her auch mit dem BuFT verbunden ist. Hamburg strahlt also diesbezüglich eine gewisse Attraktivität aus. Da werden viele sagen: Mensch, Hamburg, da kann ich mir nach dem Kongress am Sonntag auch nochmal die Stadt anschauen.

 

Zum Schluss noch eine ganz pragmatische Frage: Was habe ich denn davon, wenn ich als Mitglied der Freien Theaterszene den Kongress besuche – abgesehen davon, dass ich in Hamburg noch Sightseeing machen kann?

Man kann auf dem Kongress tolle Kollegen*innen aus ganz Europa treffen und sich mit denen darüber austauschen, wie man die eigene und die gemeinsame Arbeit weiter entwickeln kann. Man kann auf dem Kongress mit den politisch Verantwortlichen darüber diskutieren, wie die Zukunft des Theaters in Deutschland aussehen soll. Man kann sich gemeinsam für die eigenen Sachen, die eigenen Interessen einsetzen und sich kulturpolitisch einmischen. Das ist dann auch ein Statement: ich will, dass sich die Freie Darstellende Kunst und das Theater in Deutschland weiterentwickelt und dafür bin ich hier in Hamburg!

 

Vielen Dank für das Gespräch!